Sylke Passilakis: Ein Herz für Senioren

Sylke Passilakis vor ihrem Arbeitsplatz, dem Seniorenwohnheim Katharinenhof in Friedenau

Sommer 1971: Auf einem Spielplatz in der Nähe von Leipzig spielen zwei Freundinnen. Sie sind beide fünf Jahre alt. Und schließen eine Wette ab: „Ich werde irgendwann Oberin“, äußert die eine von ihnen ihren Zukunftswunsch. Die andere hält dagegen. Der Einsatz: ein gemeinsames Wochenende.

Es ist Sylke Passilakis, die schon damals so genaue Vorstellungen von ihrem Leben hat. Die Schwiegermutter ihrer großen Schwester ist damals Oberin – ein älterer Ausdruck für eine leitende Oberschwester im Krankenhaus oder anderen Pflege-Einrichtungen. „Das war so ein Vorbild für mich, diese Frau, die hat mich geprägt, das war eine ganz tolle Frau“, erinnert sich die heutige Friedenauerin.

Geboren 1966 in Leipzig, macht sie sich also auf ihren Weg. Zunächst absolviert sie nach der Schule auf Anraten ihrer Eltern jedoch eine Ausbildung zur „Facharbeiterin für Schreibtechnik“ – wirklich glücklich ist sie damit aber nicht. Wenig später beginnt sie endlich die langersehnte Ausbildung zur Krankenschwester. 1986 lernt sie in Leipzig ihren zukünftigen Mann, einen Deutschen mit griechischen Wurzeln – daher der Nachname –, kennen. Im selben Jahr kommt auch der gemeinsame Sohn zur Welt, so dass sie zunächst mit ihrem Kind zu Hause bleibt. Zwei Jahre später, 1988, stellt die kleine Familie einen Ausreiseantrag, der schließlich bewilligt wird. Sie ziehen nach Berlin, aufgrund der Ausreise aus der ehemaligen DDR wird Sylke Passilakis jedoch von der Ausbildung exmatrikuliert. Ihr Zukunftstraum rückt in weite Ferne.

Als sie in Lichterfelde ankommen, bleibt sie also wieder mit ihrem Sohn zu Hause. Doch Sylke Passilakis wäre nicht Sylke Passilakis, wenn sie aufgeben würde. Die junge Frau kämpft sich durch und bald bekommt sie durch eine zufällige Bekanntschaft die Chance, in einem Pflegeheim zu arbeiten.

Ab diesem Moment läuft es irgendwie. 1989 fängt sie dort an und arbeitet zunächst drei Jahre in der Altenpflege: „Ich habe dann beim „Sozialpädagogischen Institut Berlin Walter May“ die Altenpflegeausbildung gemacht. Danach habe ich dort die Weiterbildung zur Wohnbereichsleitung gemacht. Dann habe ich die Weiterbildung zur Pflegedienstleitung gemacht.“ Sie kommt ihrem Traum Stück für Stück näher. „Und dann habe ich letztendlich die Schule zur Einrichtungsleitung/Sozialmanagement absolviert“, erzählt sie, nicht ohne Stolz.

Nach Friedenau zieht sie im Jahr 2000. Acht Jahre später beginnt sie dann auch hier im Kiez in der Bennigsenstraße als Pflegedienstleiterin im damaligen Lebenswerk zu arbeiten. Die Arbeit dort macht ihr viel Spaß, das Umfeld gefällt ihr, sie fühlt sich rundum wohl. Es könnte ewig so weitergehen. Doch ihr Mann bekommt eine Anstellung in der Schweiz und sie folgt ihm. Sie kündigt ihren Job in Friedenau und zieht 2011 in den Kanton St. Gallen. Auch dort fühlt sie sich wohl, schließt schnell Bekanntschaften und findet neue Freunde. Aber irgendwas ist nicht richtig: „Ich habe gemerkt, dass Friedenau mich vermisst. Ich hatte natürlich auch ein bisschen Heimweh, mein Sohn war hier, meine Freunde, meine Familie“, erzählt sie von dieser Zeit.

„Entweder gehe ich jetzt zurück nach Friedenau oder ich bleibe für immer in der Schweiz“, sagt sie daraufhin zu ihrem Mann. Sie nimmt ihrem alten Chef in Deutschland das Versprechen ab, die Schule für die Weiterbildung zur Einrichtungsleitung besuchen zu können und bricht die Zelte in der Schweiz wieder ab. Zurück in Friedenau ist sie jedoch zunächst wieder Pflegedienstleiterin in der Bennigsenstraße, der Chef braucht sie an der Basis, sagt er. Dann wird die Seniorenwohnanlage verkauft und 2013 zum Katharinenhof umgewidmet. Sylke Passilakis ist eine unglaublich starke, selbstbewusste und lebensbejahende Frau, die jedes Auf und Ab in ihrem Leben kämpferisch annimmt und meistert. Sie nimmt auch diese Herausforderung an. Und siehe da, der neue Chef bewilligt ihr die Schule, die sie im November 2015 erfolgreich abschließt. 54 Menschen führt sie heute im Katharinenhof. Für die ist sie – nur fast – immer erreichbar, denn sie hat in all den Jahren auch gelernt, abzuschalten. Sport, Sauna, Musik hören und viele, viele Romane lesen sind ihre Freizeitbeschäftigungen. Ansonsten liebt sie Friedenau, die Läden, Cafés und Eisdielen, Parks und Entspannungsmöglichkeiten. Ihre Auszeiten sucht sie sich am Brunnen am Perelsplatz oder beim Eis lecken am Breslauer Platz. Dann atmet sie durch, schöpft neue Kraft.

Sie ist mit sich im Reinen und fühlt sich wohl in Friedenau. Seit 16 Jahren bewegt sie sich nun in diesem Kiez, anstrengend findet sie lediglich die ewigen Diskussionen zu manchen Themen: „Fünfhundertmal muss man sich treffen, damit eine Entscheidung fällt. Das kann doch schneller gehen“, stöhnt sie über die manchmal komplizierten Wege im Kiez, unter anderem die Bebauung des Güterbahnhofs Wilmersdorf, durch die sie mit ihrer Wohnanlage in der Bennigsenstraße direkt betroffen ist.

Sylke Passilakis hat auf ihrem Weg ins Heute viele beeindruckende Frauen getroffen, die sie nachhaltig geprägt haben. Sie selbst hat wahrscheinlich am wenigsten gemerkt, dass sie inzwischen selbst eine solche Frau ist. Sie hinterlässt Eindruck bei ihrem Gegenüber. Und bestimmt prägt sie Menschen, die mit ihr ein Stück Weg gemeinsam gehen.

Juni 2016: In einem Wellness-Hotel in Kremmen bei Berlin treffen sich zwei alte Freundinnen für ein Wochenende. Sie lösen eine fünfundvierzig Jahre alte Wette ein.

Text: Juliane Last, Foto: Tanja Fügener