Peter Schlangenbader – Maler, Musiker und Alt-Punk

Peter Schlangenbader
Peter Schlangenbader
Peter Schlangenbader- Künstler

Bereits vor der Haustür in der Niedstraße 14 sind Schlagzeug-Töne aus dem Souterrain zu hören. Was wohl die Nachbarn dazu sagen? Sofort nach dem Klingeln öffnet Peter Schlangenbader – und steht dort im Batikpullover mit silberfarbenen Turnschuhen. Seine Ohren zieren goldene Sicherheitsnadeln, ein erstes Statement scheint gesetzt. Drinnen, in seinem Atelier wird es noch wilder – Farbe, Farbe, Farbe, wohin das Auge blickt, überall stehen die Bilder des Malers und Musikers. 300, 400, vielleicht 500 hat er bisher gemalt, genau weiß er es nicht. Dazu kommen mindestens 25.000 Zeichnungen und Skizzen, die er anfertigt, bevor er auf der Leinwand loslegt. Sein Hauptthema sind Köpfe – auch wenn mancher vielleicht das ein oder andere Mal genauer hinschauen muss, um diese zu erkennen.

Peter Schlangenbader kommt 1953 als Peter Schmidt im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus zur Welt und wächst bei seiner Mutter in der Wiesbadener Straße, Ecke Binger/Schlangenbader Straße auf. Auch seine Oma lebt dort mit ihnen gemeinsam. „Ich bin sehr geschützt und behütet aufgewachsen. Ich hatte immer irgendwie das Gefühl, ich bin sehr geliebt. Und ich fühlte mich immer sehr frei, ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich war aber kein Kind, das besonders viel gemalt hat oder so.“ Auch wenn er ziemlich antiautoritär aufwächst und viele Freiheiten hat, achtet seine Mutter darauf, dass er nach der Schule „etwas Vernünftiges“ lernt. Er beginnt 1968 eine Ausbildung als Verkäufer im Kadewe: „Das war eine einzige Katastrophe“, lacht er heute, „das hab ich nur zwei Jahre gemacht, und dann waren wir alle froh, dass die Sache beendet war.“ Inzwischen ist die Hippie-Zeit in vollem Gange und er ist mittendrin.

„Ich muss das Leben malen.“

Die folgenden Jahre sind geprägt durch exzessives Leben mit Drogenkonsum und allem, was dazu gehört. Zum Glück merkt er schnell, dass dieses Leben ihn kaputt machen wird – und zieht die Bremse. Doch seine Passion für das Malen beginnt während dieser Zeit. Er kann den Moment ganz genau benennen: 1972 schlendert er mit einem guten Freund durch die Stadt, sie philosophieren, spinnen rum. „Ob sie es glauben oder nicht, ich spürte plötzlich, als ob ein Blitz in mich einschlägt, und ich spürte, ich muss malen. Ich muss das Leben malen. Das war der Start.“

Doch wieder ist es seine Mutter, die ihn zunächst erneut auf einen Ausbildungsplatz hinweist. 1973 beginnt er abermals eine Lehre, als Porzellanmaler bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur. Dieses Mal zieht er die Sache durch. Danach hängt er ein Studium an der HdK dran und beendet dort 1982 als Meisterschüler. Inzwischen ist klar, die Malerei ist keine Spinnerei, zudem hat Peter Schmidt Talent. Bereits 1981 hat er das Atelier in der Niedstraße 14 bezogen. Für ihn Fügung oder Schicksal, dass er fortan in einem Haus arbeitet, in dem schon der Maler Karl Schmidt-Rottluff und der Schriftsteller Uwe Johnson ihre Werke vervollständigt haben. „Dit sind Fügungen, die passieren im Leben, ob man will oder nicht, früher oder später, dit fügt sich dann so zusammen.“ Und auch noch in einem solchen Kiez: „Wenn man durch Friedenau läuft, spürt man förmlich diese Kreativität in der Luft, man atmet Kreativität.“ Die Nachbarn scheinen sein Schaffen seit 35 Jahren ebenfalls gut zu ertragen.

Aber halt, eine Sache ist zunächst noch zu klären: Wann und warum wurde aus Peter Schmidt eigentlich Peter Schlangenbader? In den 80er Jahren nahm er häufiger an der Freien Berliner Kunstausstellung in den Hallen am Funkturm teil und beim Durchblättern des Katalogs fiel schnell auf, dass mindestens sieben oder acht Künstler Schmidt hießen: „Ich brauche einen Künstlernamen“ war das logische Fazit. Hin und her, her und hin, am Ende wurde es Schlangenbader, nach der Straße, in deren Nähe er aufgewachsen war. „Das passt zu meinen Bildern“, findet der Maler. Seit 1987 trägt er diesen Namen, auch offiziell im Ausweis. Dass er durch seine einjährige Ehe in den 90ern von Peter Schmidt zu Peter Raue wurde, weil seine damalige Frau nicht Schmidt heißen wollte, fällt da doch kaum noch ins Gewicht.

„Wir hören dann Punkmusik und lassen uns inspirieren.“

Zurück zur Kunst: Seine ist ziemlich speziell. Dennoch hängen seine Bilder weltweit in öffentlichen und vielen privaten Sammlungen. Seit 1976 präsentiert er die Werke immer wieder im In- und Ausland, der diesjährige Sommer ist voll gepackt mit Ausstellungen. Nach über 40 Jahren als bildender Künstler produziert er manchmal auch Serien gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin. In einer Bilderserie malte sie die Hintergründe, er das Motiv. „Wir hören dann Punkmusik und lassen uns inspirieren.“ Peter Schlangenbader dreht die Musik auf und demonstriert eindrucksvoll, wie er über die auf dem Boden liegende Leinwand „fegt“: „Danach sind wir so ausgepowert, das ist ja wie auf dem Schlachtfeld, ein Kampf – es bricht aus uns raus, und dann ist gut, dann ist man völlig erledigt.“

Peter Schlangenbader am Schlagzeug
Peter Schlangenbader in seinem Element als Schlagzeuger

Und er ist nicht nur als Maler von der Kunst besessen, sondern auch als Musiker. Mit seiner langjährigen Band „Eisenstein“, in der er Schlagzeug spielt und singt, hat er 1994 sogar eine CD eingespielt. Heute heißt die Band „Brut Interstellar“ – dieser Name markiert gleichzeitig eine der beiden Hauptthematiken seiner Kunst. „Die Menschheit wandert aus zu den Sternen“ ist seine Interpretation des Titels und diese steht direkt neben dem für ihn sehr irdischen Thema „Aktionale – Das Nackte Sein“, bei dem 50 Künstler ihre Werke ausstellen.

Alles an Peter Schlangenbader scheint irgendwie laut – doch er kann auch anders. Er schreibt Gedichte, über die Liebe und das Leben und schlägt dabei Töne an, die so gar nicht zu dem Rock- und Punkmusiker passen wollen. Bei seinen Ausstellungen trägt er das ein oder andere auch schon mal vor.

Peter Schlangenbader in seinem Atelier
Das Atelier: Auf den ersten Blick wirkt es wild und chaotisch

Und noch ein Paradoxon gibt es in seinem Leben: Auf den ersten Blick wirkt alles wild und chaotisch. Doch Peter Schlangenbader ist auch wahnsinnig strukturiert – seine unzähligen Zeichnungen hat er akribisch nach Entstehungsjahr geordnet, seine Buchführung zu Hause ist bestens sortiert. „Ich bin ganz straff organisiert, sonst läuft alles aus dem Ruder“, gesteht er ein und dann: „Ich bin nicht nur Punk, ich bin auch Preuße.“ Als solcher und solcher ist er gar nicht müde: „Ich will den Leuten noch mindestens 30 Jahre auf den Sack gehen“, freut er sich zum Ende des Gesprächs, denn „ich mache von morgens bis abends nur Kunst. Das Schlimmste in der Kunst ist Routine“, bemerkt er dann noch. Routine bei Peter Schlangenbader – man kann es sich nicht vorstellen.

Text: Juliane Last, Fotos: Fotostudio Tanja Fügener